Sie sind hier

Vergangenheit und Zukunft

Die zwischen 1898 und 1930 von der Landesversicherungsanstalt Berlin errichteten Lungenheilstätten und Sanatorien liegen inmitten des Beelitzer Stadtwaldes. Die Heilstätten sind einer der größten Krankenhauskomplexe im Berliner Umland und waren für die dama­ligeHistorische Postkarte vom Gebäude B5 Zeit in der Planung und baulichen Ausführung beispielgebend.

Neben der sehr guten Anbindung an Berlin und an das Potsdamer Umland bot eine Einrichtung in einem ausgedehnten Waldgebiet die notwendigen klimatischen Voraussetzungen für die Versorgung der Patienten: ruhig und windgeschützt in einer rauch- und staubfreien Umgebung.

Die Musteranlage Beelitz-Heilstätten dokumentiert die Anforderun­gen an den Bau spezieller Heilstätten. Die Kranken lagen in Zim­mern, die sämtlich nach Süden ausgerichtet waren, und konnten auf Balkonen die frische Luft in Ruhe wirken lassen. Breite Flure waren als Kommunikationsorte für die Genesung wichtig, konnten doch so die sozialen Kontakte erhalten werden. Die Therapieräume für Inha­lationen und physikalische Anwendungen sowie die Diensträume für Ärzte und Schwestern lagen in den Nordbereichen der großzügigen Bauten.

Eisenbahn und Landstraße teilen das Areal in etwa vier gleich große Bereiche, die die Nutzungskonzeption wesentlich bestimmen. Die beiden Bereiche nördlich der Eisenbahn wurden für die Errichtung der Lungenheilstätten vorgesehen, die südlichen Bereiche dienten als Sanatorien der Behandlung nicht ansteckender Krank­heiten, wie beispielsweise Verdauungs-, Stoffwechsel- oder Herz­krankheiten.

Die Anlage war auf die strikte Trennung der Geschlechter ausge­richtet. Die Straße teilte die Gesamtanlage in Frauen- und Männe­rabteilungen: Westlich der Landstraße lagen die Frauen-Lungen­heilstätten und das Frauen-Sanatorium, östlich der Landstraße die Männer-Lungenheilstätten und das Männer-Sanatorium. Gebäude, in denen hauptsächlich Frauen beschäftigt waren, wie die Waschhäuser und die Küchengebäude, waren in den Klinik­bereichen für weibliche Patienten angeordnet, die Gebäude mit überwiegend männlichen Beschäftigten, wie z.B. die Werkstätten, der Fuhrpark oder das Heizhaus, lagen in den Männerbereichen. Einzige Ausnahmen bildeten die Kirche (nicht mehr vorhanden) und das zentrale Badehaus. In Beelitz-Heilstätten entstanden die Grundzüge der Arbeitstherapie, die in langen Erkrankungs- und Rehabilitationszeiten eine wichtige Rolle spielt.

Die zunächst auf 600 Betten ausgelegte Anlage war mit ihren Versorgungs- und Nebengebäuden von Beginn an für eine bis zu dreifache Patientenzahl dimensioniert. Bauliches Kennzeichen der Anlage ist noch heute die exakte Anordnung der Krankenpavil­lons in Erläuterung der AnlageWest-Ost-Richtung, sodass auf einer Gebäudeseite die Patientenzimmer, die Liegehallen und Terrassen für eine intensive Licht- und Sonneneinstrahlung direkt nach Süden ausgerichtet waren. Die Räumlichkeiten waren modern und zweckmäßig ein­gerichtet.

In den Außenanlagen waren die Liegehallen und die sogenann­ten Luftbäder sowie weitläufige Spazierwege in dem mit Laub­bäumen unterpflanzten und gärtnerisch gestalteten Kiefernwald dominant.

Die Beelitzer Heilstätten waren durch ihre Größe und sepa­rierte Lage auf eine selbstständige Versorgung und Infrastruktur angewiesen. Bis 1908 entstanden neben den Krankenpavillons Wohnhäuser für Ärzte, Beamte und Angestellte sowie zusätzliche Wirtschaftsgebäude. Das Klinikgelände verfügte zu diesem Zeit­punkt u.a. über ein Postamt, ein Hotel und Restaurant, eine Gärt­nerei, Stallungen, Werkstätten, zwei Küchen, zwei Waschküchen sowie eine eigene Bäckerei und eine Fleischerei. Dort wurden zum Beispiel im Laufe des Jahres 1926 über 30.000 Brote und mehr als 1 Million Semmeln gebacken und wöchent­lich ca. 25 Schweine und 5 Rinder aus einer eigenen Mast geschlachtet. Außerhalb des Gebietes wurden 1918 die Landwirtschaftsgüter „Breite" und „Blankensee" erworben, sodass sich die Heilstätten mit vielen Nahrungsmitteln selbstständig ver­sorgen konnten.

Noch heute vermittelt die Gesamtanlage, mit welchem sozi­alen Engagement und hohem medizinischen Aufwand gegen die Tuberkulose als die verheerende Krankheit am Ende des 19. Jahrhunderts vorgegangen wurde. Die Zahl der an Schwind­sucht Erkrankten ging in Deutschland zur Jahrhundertwende in die Millionen. Besonders betroffen waren die minderbemittelten Arbeiter und Tagelöhner der industrialisierten Gesellschaft. Überbevölkerung und Überbelegung in den Mietskasernen und Hinterhöfen Berlins, katastrophale hygienische Bedin­gungen, fehlende gesundheitliche Vorsorge, Mangelernährung und schwere körperliche Arbeit waren die Hauptursachen der immer stärker um sich greifenden Volksseuche Lungentuber­kulose (TBC). Allein im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts war jeder dritte Todesfall und jede zweite Arbeitsunfähigkeit auf Tuberkulose zurückzuführen.